Als Designer mit Typografie als Leidenschaft bekommt man nicht alle Tage Aufträge, die so besonders sind. Der Auftrag, war den Schriftzug der VILLA HYGIEA zu rekonstruieren und wieder aufleben zu lassen waren von Anfang an eine Herzensangelegenheit. Es ging darum, einen historischen Schriftszug zu erforschen, zu dokumentieren und dann nach den Aspekten des Denkmalschutzes wieder aufleben zu lassen.

Historie

Doch starten wir zuerst mit ein paar historischen Begebenheiten. Die Villa wurde im Jahr 1891–1893 in der damaligen Sternstraße in Berlin Steglitz-Zehlendorf erbaut. Als Bauherr wird vorerst die damalige Deutsche Volkbausgesellschaft genannt, die unter anderem von Alfred Stroemberg vertreten wurde. Als erster Eigentümer wird der Sanitärbauingenieur Paul Fecht eingetragen. Mit großer Wahrscheinlichkeit erhält das Gebäude den Namen aufgrund der beruflichen Ausrichtung der ersten Bewohner.

Der Name HYGIEA stammt aus dem Griechischen und steht in enger Verbindung mit Hygieia, der Göttin für Gesundheit. Das Reptil (Schlangensymbol) wird mit Wiedergeburt und Heilung verbunden das noch heute als Symbol in der Medizin zu finden ist. Ebenso wichtig ist die Verbindung mit dem Wort Hygiene, das zu der gegebenen Zeit ein Haus mit fließendem Wasser und sanitärer Anlage bezeichnet. Denken wir an den Berufsstand des ersten Eigentümers, ist es passend sowie nachvollziehbar. Berlin selbst hat zur Gründerzeit in vielen Stadtteilen mit seinen hygienischen Verhältnissen zu kämpfen.  

Das Schriftbild

Gehen wir zurück in die Zeit, in der die VILLA HYGIEA gebaut wurde und studiert man die Herkunft und Vorlagen von Schriftbildern, so kommt man zwangsläufig auf die Schriften von Aldus Manutius (einem venezianischen Buchdrucker) zurück. Seine Schriften (auch Aldinen genannt) wurden für die Veröffentlichungen seiner Bücher eingesetzt.

Diese Schriften galten der Wiederentdeckung antiker Literatur in der Renaissance und waren aus meiner Sicht zu dem Zeitpunkt des Baus der Villa Grundlage für die typographische Gestaltung. Diese Werke gehörten zur typographischen Ausbildung eines Schriftzeichners.

Ein weiterer Aspekt, den es bei den historischen Fotografien zu berücksichtigen gilt, ist das markante A bei VILLA und HYGIEA. Es erscheint fast rechteckig. Ein typisches Zeichen einer mittelalterlichen Schreibschrift mit gotischem Einfluss (gotische Majuskel).

Es lässt sich schlussfolgern, dass der Schriftzeichner die Schriften des Herrn Aldus kannte und diese als Grundlage zum Design seines eigenen Schriftzuges der VILLA HYGIEA dienten. Er musste unterschiedliche Kenntnisse und Grundlagen zur Schriftgestaltung haben, die kombiniert wurden. Ebenso lassen die Ausführungen der Einzelbuchstaben vermuten, dass der Schreiber Linkshänder war.

Villa Hygiea
Villa Hygiea

Das neue Schriftkonzept

Da das originale Schriftbild eine kulturelle Symbiose darstellt, sollte auch bei der Neuanbringung der Schrift diese berücksichtigt werden.

Die zu erkennenden Schriftbilder und Arten sollten in die neue Typografie wieder mit einfließen. Der Aspekt, dass bei dem Schreiber traditionelle Konventionen keine Rolle gespielt haben, sondern mit den Erkenntnissen und Lehren seiner Zeit etwas Neues geschaffen hat, diese Symbiose in dem neuen Schriftkonzept bestärkt. Diese Erkenntnis zeigt, dass die multikulturelle Schriftenentwicklung für die Villa Hygiea bereits damals bereits frisch und einzigartig war.

Einflüsse auf das neue Schriftbild

Bembo – die Grundlage beruht auf der De Aetna Type, einer Renaissanceantiqua des Venezianers Francesco Griffo von 1496. Dieser Schrifttyp wird für den Druck der Aldinen und der Schriften des Kardinals Pietro Bembo eingesetzt.

Schriftzug Bembo

Schriftzug “Villa Hygiea” in Bembo

Bell – Richard Austin, geboren 1756, geboren war Holzschneider und gründete 1819 die Imperial Lettern Foundary. Seine Schrift zeichnet sich durch die Lebhaftigkeit gerade an den Ausläufern seiner Schrift aus, welche ich gerne aufgreifen möchte, da diese sich mit der folgenden Schriftart gut verbinden lassen.

Schriftzug Bell

Schriftzug “Villa Hygiea” in Bell

Perigord – ist eine typisch gotische Schrift, die aus den Skriporien des Mittelalters stammt. Markant sind die Großbuchstaben wie z. B. das A, E oder G. Diese Schrift wird dem deutsch-französischen Raum zugeordnet.

Schriftzug Perigord

Schriftzug “Villa Hygiea” in Perigord

Ein Schriftzug formt sich neu

Mit der Aufgabe, einen historischen Schriftzug wiederzubeleben und nach den Richtlinien des heutigen Denkmalschutzes zu gestalten, begibt man sich auf eine Reise in die Vergangenheit. In eine Zeit von analogen Zeichen und Formen, dem Geruch von Farbe, einer Symbiose von Kunst und Handfertigkeiten sowie dem Vermögen eigener Schaffenskraft. Ein Umstand, der heute in Zeiten von gleich, gleich und KI-generierten Bildern inspirierend und einzigartig ist.